Arbeitszeitmodell 4.0. vs. zurück zur Stempelkarte

 

Diese Woche habe ich ein paar spannende HR-Vorträge zum Thema Mitarbeiterbindung gehört, und erstaunlicherweise waren sich alle einig, dass Arbeitszeitflexibilität die Motivation und Bindung steigern kann. Selbst Gallup-Studien und diverse Fachbeiträge reihen sich hier ein.

Ja, wenn dem so ist, dann sollten wir doch jegliche Präsenz-Pflichtzeiten im Betrieb aufweichen. Arbeitszeitmodell 4.0. ersetzt dann Gleitzeiterfassung, Stempelkarten, Kernzeiten und festen Mittagspausen, ja sogar die fest vorgegebenen Wochenarbeitstage würde ich abschaffen. Moment mal, müssen die Arbeitsrechtler jetzt sagen – ist doch gegen das Arbeitszeitgesetz. Sonntagsarbeit, Nachtarbeit und mehr als 45 Wochenarbeitsstunden schlichtweg nicht erlaubt. Aber ist doch etwas anderes, wenn die Arbeitnehmer die Flexibilität selbst einfordern, dadurch motivierter arbeiten und dies dann noch zu einer erhöhten Arbeitseffizienz (für beide Seiten) beiträgt. Ist in einem aufgeschlossenen, jungen und agenturähnlichen Betrieb mit Sicherheit noch mal einfacher gesagt und umgesetzt als in einem Konzern oder im produzierenden Gewerbe.

Wie könnte das Modell aber zumindest in (nehmen wir mal) einem klein- oder mittelständischen Betrieb aussehen? Und was ist eigentlich gefühlte und motivierende Flexibilität? Erst einmal würde ich Zeitlohn in Erfolgslohn umändern. Eine „abgesessene“ 40 Stunden-Woche, montags-freitags von 8 – 17 Uhr würde dann nicht mehr ausschlaggebend sein, um am Ende des Monats sein Gehalt zu bekommen. Stattdessen gibt es eine bestimmte Funktion, Aufgaben, Projekte oder Verkaufsabschlüsse zu erfüllen, die aber wiederum zu jeder Tages- oder Nachtzeit erbracht werden können.  Die Mitarbeiter können selbst bestimmen, ob sie werktags oder ersatzweise am Wochenende arbeiten, lieber morgens oder abends tätig werden und ob sie ins Büro kommen oder an jeglichem anderen Ort das Telefon abnehmen und nebenbei Wäsche waschen oder häkeln – technisch alles kein Problem. Und die Mitarbeiter können sich zudem gleich um ihre Work-Life Balance kümmern (dann nimmt das Wort endlich mal eine echte Bedeutung an). Die Nachteule kann sich dann in den Abendstunden ins Büro setzen und morgens z.B. den Surfkurs am Nordseestrand absolvieren.

Ist das wirklich machbar? Theoretisch, mit einigen Spielregeln – ganz ohne wird es vermutlich nicht klappen und dann doch eher im Chaos enden.  Es sollte z.B. noch ein paar Überschneidungen der Kollegen im Büro geben um Abstimmungen, Meetings und schlichtweg den Erfahrungsaustausch und das soziale Arbeitsleben nicht abreißen zu lassen. In Anlehnung an das Arbeitszeitgesetz muss auch geregelt sein, dass notwendige Ruhe- und Pausenzeiten möglich sind, Ausfallzeiten durch Krankheit und Urlaub weiterhin sozial verträglich geregelt sind und das ganze Konstrukt am Ende nicht zulasten der Pflichtbewussten und Disziplinierten geht. Nur dann kann das neue Arbeitsmodell auch zum individuellen Wohlfühlfaktor beitragen. Und ganz wichtig: Manager werden damit eher mehr statt weniger Arbeit bekommen – denn erfolgsabhängige Arbeit muss immer noch jemand definieren, Ziele setzen, bewerten und am Ende kontrollieren können. Aber auch das kann der Manager ja aus dem Strandkorb heraus erledigen.

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