Völlig Ahnungslose zu Höchstleistungen bringen

 

Unternehmen suchen oftmals nach übermenschlichen Profilen, wenn man einige Stellenanzeigen liest und wundern sich dann über geringe Rücklaufquoten an Bewerbern. Top ausgebildet sollen sie sein, einen Studienabschluss oder auch zwei mitbringen, Fremdsprachen, Auslandserfahrung, vorbildliche Sozialkompetenz, gut aussehen und Anfang bis Mitte zwanzig sein. Ist ja nicht verwunderlich, dass diese Spezies begehrt ist, da diese Mitarbeiter häufig auch die Nachwuchstalente und Leistungsträger der (meist selbst noch jungen) Unternehmen sind. Das heißt aber auch, dass diese Bewerber sich ihre Jobs aussuchen können, denn sie sind gefragt! Wie aber helfen sich Unternehmen, die nicht genug positives Aufsehen erregen und die Überflieger-Bewerbungen ausbleiben? Was ich in meinen Jahren der Personalarbeit und Recruiting Erfahrung vor allem gelernt habe: die besten Kandidaten sind letztendlich die Selbstmotivierten, Anpackenden und die, die Spaß am Lernen und an Teamwork haben.

Es ist nun keine neue Erkenntnis, dass ich als Unternehmen meine Anforderungen und Ansprüche flexibler gestalten kann, um dem (meist) hausgemachten Fachkräftemangel zu begegnen. Dazu gehört auch die kritische Frage, ob es wirklich schädlich ist, wenn die Bewerber nicht alle fachlichen Anforderungen erfüllen, dafür aber höchst motiviert sind, eine hohe Lernbereitschaft und -fähigkeit haben und in die Unternehmenskultur passen! Der Rest folgt durch Lernen. Dazu gab es schon vor einigen Jahren entsprechende Studienergebnisse.

„Es kommt nicht darauf an wie schlau jemand ist, sondern auf die Motivation und wie er lernt“, schreiben Murayama und seine Kollegen, die in einer Langzeitstudie der Universität München 3.500 Schüler über sechs Jahre beobachteten. Intelligenz spiele nur in jungen Jahren eine Rolle. Letztlich zählt allein die Motivation bei der Bewältigung schwieriger Aufgaben.“

Dazu ein Praxisbeispiel, wie kreativ man bei der richtigen Bewerberauswahl werden darf.

Ich habe vor einigen Jahren einen Vortrag eines erfahrenen Skippers gehört, der von seiner Weltumsegelung beim clipper round the world race berichtete (www.clipperroundtheworld.com). Entscheidende Voraussetzung bei diesem Rennen ist eine Crew aus völlig unerfahreneren Seglern!Die interessierten Bewerber sollten nur einigermaßen seetauglich sein, flexibel genug, um rund ein Jahr auf See zu verbringen und allen voran: motiviert, teamfähig und eine Person mit „Profil“, die etwas zu erzählen hat. Das Team wird dann vom Skipper so zusammengestellt, dass sich unterschiedliche Persönlichkeiten und Kompetenzen an Bord ergänzen und somit auch die Chance besteht, das gemeinsame Ziel zu erreichen, ohne untereinander schadhaft zu konkurrieren.Voraussetzung zum Erfolg ist natürlich eine Führungskraft, die die Hürden des Alltags erkennt und steuert, Streitereien schlichtet, Stürme und Seekrankheiten überwindet und die Mitarbeiter immer wieder an Grenzen heranführt und dabei unterstützt.

Mein Praxistipp bei der Bewerberauswahl ist mittlerweile folgender: zum Bewerbungsgespräch dürfen meine Kandidaten eine kleine Präsentation über sich selbst, ihre Talente, Wünsche, Erlebnisse und Werte vorbereiten. Der schulische und berufliche Werdegang wird dabei erst einmal ausgeblendet. Gesucht wird der richtige Teamfit, die passende Arbeitshaltung und eine große Portion Selbstmotivation. Und wenn das zusammenpasst, dann kann die neue Einkäuferin gern zuletzt auch als Verkäuferin, Operettensängerin oder Hausfrau gearbeitet haben J