Routinen können so schön sein…

Der Mensch liebt Gewohnheiten. So kann es kein Zufall sein, dass Menschen innerhalb der Familie z.B. am Esstisch ihren immer gleichen Platz einnehmen, dass an Weihnachten ein Tannenbaum in das Wohnzimmer gestellt wird oder Menschen über Jahre hinweg immer an genau denselben Urlaubsort fahren. Offenbar überwiegt da ein Gefühl, das stärker ist als die Lust und Neugierde, etwas völlig Neues zu probieren.

Natürlich machen Gewohnheiten oder gar Traditionen auch in Organisationen keinen Halt. Gerade im Handwerk und produzierenden Gewerbe hält sich die Gewohnheit, freitags früh Feierabend zu machen. Auch im Handwerk sind Traditionen wie die Wanderjahre („auf der Walz sein“) noch immer lebendig. In Betrieben mit Kantine stelle ich bemerkenswerter Weise fest, dass Mitarbeiter häufig zu exakt gleichen Uhrzeiten ihre Mittagspause machen und auch hier setzt sich Tradition in Form ritualisierter Menüpläne fort: freitags gibt’s Currywurst mit Pommes.

Diese Verhaltensmuster scheinen im Alltag auf den ersten Blick hinderlich, wo doch Tempo und Flexibilität zunehmend stärker gefordert sind als Traditionalismus und Kontinuität. Und der Ausspruch „Weshalb müssen wir das ändern. Das haben wir doch immer schon so gemacht.“ löst bei vielen Machern heutzutage großes Unbehagen aus.

Es scheint nicht neu, dass heutige Anforderungen, die Fülle und Komplexität der Aufgaben viele Menschen überfordert oder stresst. Wenn ich meine Aufgaben im Laufe des Tages nicht vom Tisch bekomme, notgedrungen immer weiter aufschieben muss und weiß, dass täglich Neues hinzukommt, werde ich nervös, auch mal gereizt. Irgendwann verliere ich den Überblick.

Viele von uns leben jahrelang in diesem Zustand, den Tisch niemals leer zu bekommen, immer drückt eine Aufgabe im Hinterkopf. Selbst die belastbarsten Gemüter verlieren irgendwann die Lust. Nicht selten höre ich dann Sätze wie: „Ich könnte mir vorstellen, jetzt einfach mal eine Auszeit zu nehmen. 3 Monate mal gar nichts machen“. Oder: „Was wäre, wenn ich meinen Job jetzt einfach kündige. Und dann mache ich ein Café oder einen kleinen Käseladen auf.“ Da schwingt einfach die Sehnsucht mit: Lasst mich alle mal in Ruhe. Ich befinde mich gerade im Chaos, das ich nicht mehr bewältigen kann.

Im Sinne der Unternehmen liegt es auf der Hand, den Mitarbeitern dabei zu helfen, diese Fähigkeit wieder zu stärken. Die eigenen Aufgaben im Griff zu haben bedeutet nicht nur, dass brauchbare Ergebnisse produziert werden, sondern lässt Mitarbeiter mit einem zufriedenen Gefühl in den Feierabend gehe.

Ein gegenwärtiger Trend in unserer Gesellschaft ist Mindfulness (Achtsamkeit). Die Rückbesinnung auf die Langsamkeit und Bewusstheit, mit der wir uns und die Welt um uns erleben. Tausende von Trainern bieten (zumeist in Yogaschulen, zunehmend aber auch in Unternehmen) dieses neue Kursformat an.

Eine wichtige und ganz praktische Aufgabe für Unternehmen ist die Berücksichtigung von Arbeitsmethoden, und noch wichtiger: einheitliche Arbeitsmethoden. Trotz oder gerade aufgrund der großen Freiheit und Flexibilität beim Arbeiten braucht es eine einheitliche Sprache zur Abstimmung, die alle verstehen. Agiles Projektmanagement ist bis dato für Viele nur mit der IT verknüpft. Der klassische Arbeitsalltag einer Sachbearbeiterin oder Teamassistenz kann in meinen Augen genauso davon profitieren. Da werden keine gelben Zettel mehr auf Schreibtische geklebt oder Schreibtischunterlagen vollgekritzelt, sondern Aufgaben in einer elektronischen Task Liste sortiert, mit dem Email-Programm, mit Erinnerungen und Aufgabenzuweisungen verknüpft.

Die aktuell spannendste Routine ist in meinen Augen aber die Pause! Ein wertvolles und stark vernachlässigtes Ritual. Auch ich selbst ertappe mich dabei, am Schreibtisch hastig etwas zu verschlingen und bei Termindruck wie eine Irre durchzuarbeiten. Dabei weiß ich ganz genau, wie wohltuend meine Pause ist. Ein Gespräch mit den Kollegen aktiviert und ermutigt mich, mein Essen stärkt mich, ein bisschen Sauerstoff oder Schlaf macht mich fit für die 2. Runde. Und wen ich mal ganz krass bin, gehe ich eine Stunde zum Sport. Routinen können ja so schön sein.