Die Vorurteils-Falle bei der Personalauswahl

Viele haben die folgende Beispielsituation auf die eine oder andere Weise selbst schon mal erfahren: Ein junger Arzt möchte eine Diagnose erklären und muss hierfür zwei Mal in einem Buch nachschlagen, bevor er seine Erklärungen weiter ausführen kann. Na, ob der so kompetent ist?“, geht es einen dann vielleicht schon durch den Kopf: „Und ob die Diagnose auch wirklich auf mich zutrifft? Das werde ich besser noch mal mit dem Oberarzt besprechen. 

So wird sich eine eigene Meinung über eine Person gemacht. Und selbst, wenn die Diagnose des Arztes korrekt ist, wird die Skepsis ihm gegenüber zunächst bestehen bleiben. 

Nach Gordon W. Allport, welcher als Sozialpsychologe maßgeblich die Vorurteilsforschung geprägt hat, lautet die kürzeste aller Definitionen des Vorurteils: von anderen ohne ausreichende Begründung schlecht denken.“*

Auch Personaler haben ebenso mit eigenen Vorurteilen und Voreingenommenheit zu kämpfen. Ein gutes Beispiel ist hierfür in der Personalauswahl, die bereits in der Durchsicht der Bewerbungsunterlagen beginnt 

Ist ein Foto dabei wird innerhalb von Millisekunden bewertet, ob einem der Bewerber sympathisch ist oder nicht. Dieser Eindruck zieht sich dann durch die Bewerbung. Beispielsweise werden als attraktiv wahrgenommenen Bewerbern positive Eigenschaften wie Intelligenz und Kompetenz zugeordnet. In der Psychologie spricht wird dieses Phänomen als sogenannter Halo-Effekt bezeichnet. 

Es kann für einen Bewerber hilfreich sein, sich durch ein vorteilhaftes und professionelles Foto die Einladung zum Vorstellungsgespräch zu verschaffen 

Anders ist dieses Phänomen bei Fotos, in denen sich die Bewerber beispielsweise unvorteilhaft in Szene setzen. Hier kann es den umgekehrten, negativen Effekt haben und sich entsprechend schlecht auf die Entscheidung des Personalers auswirken. In den USA sind Fotos in der Bewerbung aufgrund von möglicherweise diskriminierender Voreingenommenheit deshalb verboten.   

Aber weshalb fällen wir so schnell ein Urteil über einen fremden Menschen? 

Die schnelle, unterbewusste Kategorisierung hilft dem Menschen, sein Gegenüber zu verstehen und mit diesem zu kommunizieren. Da dieses im Unterbewusstsein geschieht, bemerke ich meist gar nicht, dass ich längst entschieden habeob ich jemanden sympathisch oder unsympathisch finde, vertraue oder misstraue. Schwierig wird es, wenn dieses nicht nur eine Einschätzung, sondern auch eine Auf- und Abwertung mit sich zieht, wie im Beispiel mit dem Bewerbungsfoto. Denn das Foto gibt keine verlässliche Aussage darüber, ob der Bewerber kompetent ist oder in das Team passt. 

Welche Methoden und Best Practices können dabei helfen Vorurteile abzubauen und eine vorurteilsfreie Bewertung des Bewerbers vorzunehmen?  

Zunächst hilft es sich der Vorurteilsbildung bewusst zu werden, wovon sich fast niemand freisprechen kann. Im Beispiel sollte hinterfragt werden, warum eine bestimmte Vorauswahl der Bewerbungen vorgenommen wird. Hierfür bietet es sich an, die Profile der Bewerber unabhängig vom Foto und den weiteren Unterlagen zum Abgleich nebeneinander zu legen und erneut zu bewerten. Darüber hinaus kann es auch vorteilhaft sein, sich mit anderen Kollegen auszutauschen und so weitere Informationen einzuholen. 

Letztendlich ist die Bewerbervorauswahl immer dadurch geprägt, dass auf der Grundlage von nur wenigen Unterlagen eine Auswahl getroffen werden muss, welcher Bewerber in die nächste Runde kommt und wer nicht. Aber es lohnt sich, die eigenen Einschätzungen regelmäßig zu hinterfragen und vielleicht auch den Bewerbern eine Chance zu geben, die auf den ersten Blick nicht die perfekten Unterlagen geschickt haben. Und machen wir uns nichts vor: in Zeiten von mangelnden Fachkräften und schnell erstellten digitalen Bewerbungsunterlagen nimmt die Qualität der Bewerbungen leider erschreckend ab. Da schreckt auch das Selfie vor dem Badezimmerspiegel kaum noch einen Personalentscheider ab. 

Autorin: Marie Risse

Quellen:

*http://www.report-psychologie.de/thema-des-monats/archiv/artikel/raus-aus-den-vorurteilen-2015-11-23/

http://www.report-psychologie.de/fileadmin/user_upload/Thema_des_Monats/2015-11-12_Prof._Dr._Andreas_Zick_01.pdf